Neue Märkte, neue Risiken: Was der Global Sourcing Risk Index für deutsche Unternehmen bedeutet
Globale Beschaffungsmärkte verändern sich rapide. Handelskonflikte, neue Zollregelungen, geopolitische Spannungen und klimatische Extremereignisse führen dazu, dass Lieferketten zunehmend komplexer und risikobehafteter werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Compliance, Transparenz und Resilienz. Für Einkaufsteams bedeutet das: Jedes neue Beschaffungsvorhaben braucht nicht nur einen Kostenfokus, sondern auch eine fundierte Risikobewertung.
Mit dem Global Sourcing Risk Index (GSRI) liegt erstmals eine umfassende Studie vor, die genau diese Perspektive abbildet. Der von Proxima in Zusammenarbeit mit Oxford Economics entwickelte Index bewertet 30 bedeutende Volkswirtschaften anhand von acht zentralen Risikofaktoren:
Gemeinsam decken die untersuchten Märkte mehr als 85 Prozent des globalen BIP und rund zwei Drittel des Welthandels ab. Der GSRI schafft damit eine belastbare Grundlage für strategische Beschaffungsentscheidungen. Ziel ist es, Einkaufsverantwortlichen Orientierung zu geben – bei der Planung, Bewertung und Diversifikation ihrer globalen Lieferketten.
Deutschland im Index: stabil – aber nicht uneingeschränkt resilient
Deutschland zählt im Global Sourcing Risk Index zu den stabilsten Beschaffungsmärkten weltweit. Im Gesamtranking belegt die Bundesrepublik Platz 29 von 30 – nur die Schweiz schneidet noch besser ab. Die Risiken in den Bereichen geopolitische Konflikte, Klimarisiken, Governance, Menschenrechte und Lieferantenkonzentration sind im internationalen Vergleich besonders niedrig. Doch der Report zeigt auch: Deutschland ist nicht bei allen Faktoren gleichermaßen resilient. In drei von acht Risikofeldern schneidet der Standort nur durchschnittlich ab, insbesondere bei der Arbeitskostenvolatilität, den Preisschwankungen bei Vorleistungen und beim Risiko durch Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse. In letzterer Risikodimension belegt Deutschland lediglich Platz 15. Eine Bewertung, die vor dem
Hintergrund zunehmender Handelskonflikte – etwa der jüngsten US-Zollerhöhungen – an Relevanz gewinnt.
Ausschlaggebend ist unter anderem die hohe Exportabhängigkeit: Rund 47 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entfallen auf den Außenhandel, ein höherer Wert als in vergleichbaren Industrienationen. Für international tätige Unternehmen bedeutet das: Neue Handelsbarrieren, regulatorische Komplexität und protektionistische Tendenzen wirken sich spürbar auf deutsche Lieferketten aus. Besonders betroffen sind Branchen wie die
Automobilindustrie, der Maschinen- und Anlagenbau, die Chemie- und Pharmabranche, Technologie und Elektronik sowie die Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft – jeweils mit spezifischen Risiken bei zollrechtlichen und regulatorischen Vorgaben.
Neue Märkte und ihre Risiken
Viele Unternehmen setzen inzwischen auf geografische Diversifikation, oft im Sinne einer „China+1“-Strategie. Doch wer Risiken aus China verlagert, importiert damit häufig neue Unsicherheiten. Besonders im Fokus stehen derzeit die Türkei, Indien und Mexiko: Länder, die Chancen eröffnen, im Global Sourcing Risk Index von Proxima jedoch zugleich zu den risikoreichsten Beschaffungsmärkten zählen.
TÜRKEI: KRITISCH, ABER UNVERZICHTBAR
Die Türkei ist ein zentraler Partner für deutsche Lieferketten, nicht nur bei Baumwolle, sondern auch bei Maschinen, Fahrzeugen und Elektrotechnik. 2024 erreichte das Handelsvolumen der Türkei mit der EU fast 100 Milliarden Euro. Gleichzeitig bleibt der Markt durch geopolitische Spannungen, volatile Währungen und ein schwieriges regulatorisches Umfeld volatil. Im Proxima Risk Index rangiert die Türkei als das zweitriskanteste Beschaffungsland der Welt.
Trotz Unsicherheiten bleibt die Türkei ein zentraler Nearshoring-Partner. Viele Unternehmen reagieren mit Dual-Sourcing-Strategien, etwa durch die Ergänzung osteuropäischer Beschaffungsregionen.
INDIEN: WACHSEND, ABER RISIKOBEHAFTET
Indien gewinnt rasant an Bedeutung, insbesondere in Technologie und Maschinenbau. Die Exporte nach Deutschland haben sich in wenigen Jahren vervierfacht. Doch trotz des Aufschwungs rangiert das Land im Risk Index auf Platz vier der riskantesten Länder. Schwächen in Infrastruktur, Arbeitsrechten und regulatorischen Rahmenbedingungen tragen hierzu bei. Wer Indien in seine Lieferkette integriert, sollte sich dieser Risiken bewusst sein und sie gezielt steuern.
MEXIKO: NÄHE ZU DEN USA BIRGT EIGENE RISIKEN
Mexiko belegt im Index Platz 1 der risikoreichsten Beschaffungsmärkte weltweit, trotz seiner Rolle als wichtigste Importquelle der USA. Für europäische Unternehmen ist das Land vor allem im Zuge des Nearshoring-Trends interessant. Doch die starke Abhängigkeit von US- Politik, kombiniert mit internen Herausforderungen wie Energieversorgung, Arbeitsrechten und Sicherheitslage, macht den Markt anfällig für Disruptionen der Lieferketten.
Resilienz statt Reaktion: Strategien für volatile Zeiten
Der Blick in den Risk Index zeigt: Einfache Antworten auf die Fragilität globaler Lieferketten gibt es nicht. Wer heute nur auf einen Standort setzt oder vermeintlich günstige Optionen wählt, läuft Gefahr, morgen mit Produktionsstopps, Engpässen oder Reputationsschäden konfrontiert zu sein. Nachhaltige Resilienz entsteht erst durch Vielfalt und die bewusste Balance von Risiko und Kosten.
Das bedeutet für Einkaufsteams: Strategien müssen breiter angelegt sein als ein reines „China+1“-Modell. Zukunftsfähig sind Beschaffungsansätze, die Nearshoring, Farshoring und innereuropäische Beschaffung intelligent kombinieren. Hochrisikostandorte wie Mexiko oder die Türkei können Teil der Lösung sein, sofern sie ergänzt werden durch stabilere Regionen wie Osteuropa, Skandinavien oder Brasilien. Aus einem eindimensionalen „+1“ wird so ein „+2“ oder gar „+3“-Modell, das Unsicherheiten abfedert und Spielräume für Störungen schafft.
Doch Resilienz entsteht nicht allein durch die Wahl der Länder. Entscheidend ist, wie tief Unternehmen ihre Lieferketten durchdringen. Transparenz über Tier-1 hinaus wird zum Schlüsselfaktor: Welche Rohstoffe werden woher bezogen? Welche Drittanbieter und Logistikpartner sind eingebunden? Werden ESG-Kriterien, Arbeitsstandards und Lieferkettengesetze eingehalten? Ohne diese Sichtbarkeit lassen sich Risiken weder vertraglich absichern noch operativ steuern.
Resilienz ist kein Reaktionsmuster auf Krisen, sondern das Ergebnis einer bewusst gestalteten Beschaffungsstrategie – diversifiziert, transparent und vorausschauend.
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