Angesichts der anhaltenden Krise im Nahen Osten – und trotz angekündigter Waffenruhe am 8. April 2026 für zwei Wochen – haben die globalen Ölmärkte in den letzten Wochen erhebliche Volatilität erlebt. Ein Ölpreisschock dieser Größenordnung ist für die meisten Branchen ein ernstzunehmender Kostentreiber, für Fluggesellschaften ist er jedoch deutlich komplexer. In Kombination mit Luftraumsperrungen, Sicherheitsbedenken und sinkendem Verbrauchervertrauen hat sich ein perfekter Sturm für die Luftfahrtindustrie zusammengebraut.
Eins gilt es dabei zu beachten: Die Schließung der Straße von Hormus war und ist kein isoliertes Ereignis. Fluggesellschaften kämpfen bereits seit Längerem mit steigenden Kosten nach der Pandemie, einem harten Versicherungsmarkt und einer auf wackeligen Beinen stehenden Margenerholung. Die Turbulenzen am Ölmarkt mögen beispiellos erscheinen, tatsächlich legen sie jedoch einfach nur bestehende strukturelle Schwachstellen offen.
Die Entscheidungen, die aktuell in den Vorstandsetagen und Einkaufspositionen der Fluggesellschaften getroffen werden, sind keine rein operativen Anpassungen. Es handelt sich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Auswirkungen.
Die Reaktionen in den kommenden 90 Tagen werden maßgeblich die finanzielle Performance der nächsten 12 bis 24 Monate bestimmen.
Der doppelte Druck auf die Treibstoffkosten
Steigende Treibstoffpreise, Routen-Unterbrechungen und sinkende Nachfrage sind einzeln betrachtet beherrschbar. Zusammen stellen sie jedoch eine erhebliche Herausforderung dar. Mit jeder Woche, in der die Straße von Hormus faktisch geschlossen bleibt, steigt der finanzielle Druck auf die Airlines weiter.
Bei den Treibstoffpreisen wirken aktuell zwei Entwicklungen gleichzeitig und treffen einige Airlines unvorbereitet: Die Rohölpreise sind von unter 60 US-Dollar Anfang 2026 auf über 119 US-Dollar gestiegen: der höchste Stand seit 2022. Zwar haben sich die Preise inzwischen auf etwa 91 US-Dollar eingependelt, doch bleibt das Niveau für Fluggesellschaften ohne entsprechende Absicherungsstrategien (Hedging) ein massiver Kostenschock. Analysten von Kpler warnen zudem: Sollte die volatile Situation in der Region anhalten, könnten Preise von bis zu 150 US-Dollar pro Barrel erreicht werden.
Parallel dazu führen Luftraumsperrungen in der Region zu Umleitungen im Flugverkehr. Das erhöht den Treibstoffverbrauch genau in dem Moment, in dem die Kosten ohnehin steigen. Die Kombination aus höheren Preisen und steigendem Verbrauch sind ein enormer Belastungsfaktor.
Hinzu kommt: Die Preise für Kerosin entwickeln sich noch dynamischer. In Singapur liegen sie aktuell bei rund 230 US-Dollar pro Barrel, während Kerosin in Europa nahezu doppelt so teuer ist wie Rohöl. Das zeigt, dass neben den Rohölpreisen auch Versorgungsengpässe in der Supply Chain die Preisentwicklung treiben.
Profitabilität sichern und gleichzeitig Vertrauen erhalten
Jede Flugroute, die den Nahen Osten berührt oder durchquert, wird derzeit einem schnellen Profitabilitäts-Check unterzogen. Airlines, die auf Drehkreuze wie Dubai, Doha oder Abu Dhabi angewiesen sind, stehen nicht vor kurzfristigen Umleitungen, sondern vor einer strukturellen Störung ihrer Netzwerkarchitektur.
Routen, die zuvor nur ansatzweise profitabel waren, können unter den aktuellen Kostenannahmen schnell unrentabel werden. Die zentrale strategische Frage lautet daher nicht nur, welche Strecken ausgesetzt werden sollten. Entscheidend sind viel mehr diese beiden Fragen: Welche Verbindungen müssen trotz höherer Kosten strategisch geschützt werden? Und: Welche sollten konsequent eingestellt werden, bevor sich Verluste weiter aufbauen?
Parallel dazu laufen umfassende Sicherheitsbewertungen. Diese dürfen jedoch nicht mit finanziellen Überlegungen vermischt werden. Denn das größte Risiko in dieser Krise ist langfristiger Natur: der Vertrauensverlust der Passagiere.
Vertrauen ist schnell verspielt und nur schwer zurückzugewinnen. Passagiere, die Verbindungen durch den Nahen Osten meiden oder Fluggesellschaften als riskant wahrnehmen, kehren nicht kurzfristig zurück, selbst wenn sich die Lage stabilisiert. Die Art und Weise, wie Airlines jetzt zu Sicherheit kommunizieren und wie proaktiv sie handeln, wird das Vertrauen über Jahre prägen.
Wie Airlines Risiken aktiv steuern können
In dynamischen Krisen besteht die Versuchung, reaktiv auf Entwicklungen zu reagieren. Genau dieser Ansatz kann jedoch teurer werden als die Krise selbst. Gleichzeitig stehen Einkaufs- und Beschaffungs-Teams konkrete Hebel zur Verfügung.
- Treibstoffbeschaffung strategisch steuern
Airlines sollten ihre Hedging-Strategien aktiv überprüfen und, wo möglich, verlängern oder restrukturieren. Zusätzlich gilt es, bestehende Lieferverträge auf Flexibilität zu analysieren und alternative Bezugsquellen außerhalb der Golfregion zu prüfen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. - Routenprofitabilität neu bewerten
Eine schnelle, datenbasierte Neubewertung aller Routen ist unerlässlich, basierend auf aktuellen Kostenannahmen, nicht auf Vorkrisenniveaus. - Kostenbasis ganzheitlich optimieren
Durch den Druck auf die Treibstoffkosten müssen andere Warengruppen kompensiert werden. Einkaufsteams müssen identifizieren, wo kurzfristige Einsparungen möglich sind, ohne operative Stabilität oder Sicherheit zu gefährden. - Lieferantenbeziehungen vertiefen
In angespannten Märkten sind belastbare Lieferantenbeziehungen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Sie ermöglichen bessere Transparenz, höhere Flexibilität und schnellere Reaktionsfähigkeit. Reine Vertragsbeziehungen reichen in solchen Situationen nicht aus.
Ausblick: Die nächsten 90 Tage entscheiden
Fluggesellschaften, die die kommenden 90 Tage strategisch steuern, werden deutlich besser positioniert sein, wenn die nächste Wachstumsphase beginnt. Wer jetzt falsch reagiert, wird in einem dynamischen Marktumfeld schnell ins Hintertreffen geraten.
Unternehmen, die diese Phase nutzen, um ihre Einkaufsstrategien, ihre Resilienz in der Supply Chain, ihre Treibstoff-Strategie und ihre Lieferantenbeziehungen nachhaltig zu stärken, gehen strukturell gestärkt aus der Krise hervor. So banal es klingen mag: Die Krise im Nahen Osten wird sich irgendwann lösen lassen. Die strukturellen Schwächen, die sie offengelegt hat, werden sich jedoch nicht in Luft auflösen.
Die Airlines, die aktuell am besten durch diese Situation steuern, haben eines gemeinsam: Sie haben nicht auf Stabilität gesetzt, sondern waren auf Störungen vorbereitet. Das ist das Ergebnis von Einkaufs- und Supply-Chain-Strategien, die Resilienz über reine Kostenoptimierung stellen. Für alle anderen sind die kommenden 90 Tage Herausforderung und Möglichkeit zugleich, genau das dauerhaft zu verändern.