„Offen“ oder „geschlossen“: Die Straße von Hormus hat sich zum Nadelöhr der Lieferketten entwickelt. Die Meerenge ist seit Anfang März für den regulären Handelsverkehr nicht tragfähig: zunächst durch ein von der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) eingerichtetes Maut- und Geleitschutz-System. Nun hat die Regierung in Washington eine eigene Blockade draufgelegt: Die USA wollen künftig jedes Schiff abfangen, das dem Iran eine Durchfahrtsgebühr gezahlt hat. Hinzu kommt die Gefahr von Seeminen, die vorher ohnehin schon eine spürbare Verunsicherung ausgelöst hatten.
Das Ergebnis ist eine gefährliche Doppel-Bedrohung für den Schiffsverkehr: Tanker und Frachter sehen sich nun sowohl US-amerikanischen als auch iranischen Streitkräften gegenüber. Etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls passieren die Meerenge. Versicherungsunternehmen hatten die Transit-Prämien bereits in die Höhe getrieben. Während sich die USA und der Iran in einer Pattsituation befinden, ist das Risiko in der Straße von Hormus durchaus komplex.
Die Versicherung als Sicherheitsnetz
Es hält sich ein hartnäckiges Gerücht: Schiffe würden die Passage meiden, weil sogenannte Kriegsrisikoversicherungen nicht mehr angeboten würden oder unbezahlbar seien. Lloyd’s of London hat dies ungewöhnlich deutlich zurückgewiesen: Deckungen für Kriegsrisiken, einschließlich Rumpf, Fracht, Haftung sowie Protection & Indemnity (Schutz und Entschädigung), sind weiterhin verfügbar. Prämien werden angepasst, doch genau dafür ist das System ausgelegt.
Dass Schiffe vor der weiteren Zuspitzung des Konflikts nicht fuhren, lag nicht an fehlendem Versicherungsschutz. Es lag vielmehr daran, dass Kapitäne, Reeder und Besatzungen zu Recht ihre Sicherheit priorisierten und das weiterhin tun. Rund 20.000 Seeleute waren zwischenzeitlich von den Störungen betroffen, die Zahl der Todesopfer liegt im zweistelligen Bereich. Gleichzeitig sind Treibstoff und Vorräte knapp geworden, hinter Bergungskapazitäten steht ein Fragezeichen und sichere Häfen sind aufgrund politischer Verhältnisse weiterhin schwer zugänglich.
Das Problem war also kein Versicherungsproblem. Es hat sich eher die Frage gestellt: Was passiert, wenn etwas schiefgeht und niemand hilft?
Unsicherheit als neuer Normalzustand
Auch das Joint Maritime Information Center hat wenig zur Beruhigung beitragen können. Es hält an einer hohen Bedrohungseinstufung fest und stuft das Angriffsmuster als willkürlich ein. Die Annahme, dass eine „freundliche“ Flagge Sicherheit bietet, ist trügerisch.
Selbst wenn das Militär die Schifffahrtsrouten sichern könnte, der logistische Aufwand bleibt bestehen: Versorgung, Wartung, Reparatur und Evakuierung militärischer Kräfte müssen weiterhin gewährleistet werden.
Keine einfachen Ausweichlösungen
Die oft genannte Umgehung der Straße von Hormus per Lkw ist weder logistisch noch wirtschaftlich tragfähig: Ein Supertanker ersetzt etwa 10.000 Lkw, was täglich massive Transportströme durch ungeeignete Infrastruktur bedeuten würde, bei gleichzeitig deutlich höheren Kosten pro Barrel. Bestehende Alternativen wie Umleitungen über Fudschaira oder saudische Ost-West-Korridore sind daher keine kurzfristigen Lösungen, sondern langfristig aufgebaute strategische Absicherungen.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Die Straße von Hormus ist für den Moment keine tragfähige Handelsroute. Die Straße ist operativ anfällig und psychologisch belastend. Eine Versicherung ist zwar möglich, allein das Vertrauen fehlt.
Bei der Frage, die Straße von Hormus zu umfahren, ging es nie darum, eine Umleitung zu finden. Es geht vielmehr um eine grundlegende Neugestaltung globaler Energie- und Handelsströme. Infrastruktur bewegt Güter. Systeme bewegen Märkte. Und genau dieses System zeigt derzeit, dass es für derartige Schocks nie ausgelegt war.